Herbst- und Gedankenspaziergänge

Vom Lernen im und aus dem Alltag

Neulich habe ich mit den Kindern an einem nass-grauen Septembertag eine Runde mit Rollern und Laufrad gedreht, um Kastanien zum Basteln zu sammeln. Am Weg zu den Kastanienbäumen, zu denen ich als Kind schon mit meiner Großmutter gegangen bin, sind wir (nicht ganz ungeplant) bei zwei Nussbäumen vorbeigegangen, die auf öffentlichem Gut stehen. Und tatsächlich, wir hatten Glück, jede Menge Walnüsse an der ersten Station. Den Kleineren hat es Spaß gemacht, die Nüsse mit den Gummistiefeln aus ihren Hüllen zu befreien. Der Große hat sich derweil schon interessante Gedanken gemacht: „Ich dachte, wir wollten zu den Kastanien.“ Und: „Mama, warum heben wir die hier auf, wenn man sie doch im Geschäft kaufen kann?“. Zwei wunderbare Beispiele, wie Kinder aus scheinbaren Kleinigkeiten, die im Alltag passieren, sehr wesentliche Schlüsse über Grundhaltungen ziehen. Während die Kleinen also matschen und einfach durchs Tun lernen und fröhlich sind, kann man sich mit dem Volksschulkind schon auf die Metaebene begeben und darüber reden, was man gerade tut und warum.
Walnüsse und Haselnüsse liegen auf einem Tisch

Wichtig ist in dem Kontext, dass der Junior von sich aus Interesse und Aufnahmebereitschaft gezeigt hat. Ansonsten werden komplexe Ausführungen schnell als ungewollter Vortrag erlebt und die investierte Energie verpufft oder führt im ungünstigsten Fall zu Ärger auf beiden Seiten.

 

Der Gesprächsverlauf hängt dann natürlich stark von der eigenen Einstellung zur aktuellen Situation ab. In meinem Fall ging es grob gesagt um den Wert von Lebensmitteln, globale Lieferketten und darum, dass es etwas sehr Feines sein kann, geplante Abläufe pragmatisch zu ergänzen. Alles Themen, von denen man in Büchern lesen und in der Schule lernen kann. Nichts aber ist so einprägsam wie selbst erlebte, praktische Beispiele. Speziell, wenn es um abstrakte Themen geht, die man nicht angreifen kann. Das macht den Alltag als Lernfeld ganz besonders wichtig, weil hier ständig alles Mögliche passiert, was die Kinder noch nicht verstehen, was sie neugierig macht und im besten Fall zum Nachdenken und Fragen anregt. Wenn wir sie dann in ihrem Interesse bestärken und durch aufmerksame Antworten zum weiteren Überlegen anregen, machen wir ihnen den Weg zu reflektierten Erwachsenen ein Stück leichter. Dieses Hinterfragen und Verknüpfen von Erlebtem ist eine ganz wesentliche Grundlage für nachhaltiges Lernen in allen Lebensbereichen.

 

Vielen wird jetzt durch den Kopf gehen, dass das alles schön und gut wäre, wenn man nur die Zeit dafür hätte. Hier könnte es jetzt philosophisch werden, auch sehr polarisierend. Das spar ich mir und euch aber (wir haben ja schließlich keine Zeit).

 

Tatsache ist: Für zwei ausführliche Erklärungen pro Woche haben wir alle Zeit. Das ist doch schon was.

Lila Herbst-Blumen

Einfach raus gehen

Dazu muss man auch nicht spazieren gehen oder wilde Sportspiele mit den Kindern machen. Es hilft aber. Durch Bewegung wird unser Gehirn besser durchblutet und die Bildung neuer Synapsen wird angeregt, speziell im Hippocampus. Es steigt sozusagen in einen anderen Arbeitsmodus um. Der volle Effekt tritt dabei aber nur ein, wenn wir von den üblichen Ablenkungen wegkommen (solange das Handy in der Tasche bleibt) und wir uns nicht vorwiegend ärgern, dass wir nicht gerade etwas anderes tun. Außerdem gleicht uns Bewegung im Freien quasi energetisch aus. Die Kinder sind kaum zu bändigen und nur am Streiten? Dem Wetter entsprechend anziehen und gemeinsam raus mit ihnen. Du willst einfach nur deine Ruhe haben, auf der Couch gammeln und nichts mehr hören und sehen? Raus mit dir und die Kinder nimmst du mit. Die einen werden zur Ruhe kommen, die anderen Energie tanken. Bevor man es tut, kaum vorstellbar, wenn man dann erfrischt und hungrig retour kommt, eine klare Sache. Draußen sein tut gut, das spürt man, wenn man es zulässt, und wissenschaftlich belegt ist es auch.

Keine Frage des Alters

4 Kinder auf Siedlungsweg machen einen Spaziergang Damit kann man übrigens auch noch anfangen, wenn man sich und die Kinder bisher für totale „Raus-Geh-Muffel“ hält. Dann braucht es anfangs etwas Zeit (oder Freunde, die da schon mehr Erfahrung haben), bis man sich von den üblichen Routinen und Ablenkungen so weit entwöhnt hat, dass man wieder lernt zu genießen, was einem die Umgebung eigentlich bietet. Ganz ohne Strom, dafür mit beeindruckenden Farbspielen, spannenden Geräuschen, wechselnden Düften und einem riesigen Angebot an haptischen und taktilen Erfahrungsmöglichkeiten. Wer sich überhaupt nicht vorstellen kann, den Übergang zum Einfach-nur-raus-Gehen ohne Entertainment zu schaffen, kann sich Abhilfe bei Büchern holen (z.B. Outdoor-Experimente für Kinder, Abenteuer Gemüsegarten) oder mit entsprechenden Spielwaren (z.B. Tierspur-Schablonen, Dampfschiff). Ich plädiere aber dafür, mutig zu sein und auf sich selbst und die Kinder zu vertrauen, dass euch etwas einfallen wird und ihr die gemeinsame Zeit genießt.
Es gibt kein schlechtes Wetter, nur … doch, gibt es schon. Ich bleib auch daheim, wenn es gießt wie aus Eimern. Aber das tut es ja nicht jeden Tag. Also Schluss mit den Ausreden, nützt, was ihr habt. Dann, wenn ihr könnt.
gebastelte Kastanien Woll-Netze hängen im Baum
Eva
Eva
Mutter, Psychologin, spielverliebt und im Herzen Naturwissenschaftlerin, die immer alles noch ein bisschen genauer wissen will.
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